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Von Dr. Kurt Diemer, Biberach          

Ursachen und Verlauf der Auswanderung aus Oberschwaben im 18. Jahrhundert

Auswanderung aus Oberschwaben – mancher wird sich vielleicht wundern, wenn er dies liest; gilt Oberschwaben doch gemeinhin als ein wohlhabendes Land mit einer geringen Bevölkerungsdichte. Sieht man aber genauer hin, so bekommt dieses Bild deutliche Risse: im 18. Jahrhundert gab es – bedingt durch das Erbrecht und eine nach den Verheerungen am Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts wieder wachsende Bevölkerung – breite klein- und unterbäuerliche Schichten. Wenn deren von vornherein schon prekäre wirtschaftliche Lage sich durch Missernten und Kriege noch weiter verschlechterte, blieb vielen – vor allem Jungen und Armen - als Ausweg nur mehr die Auswanderung.

Oberschwaben im 18. Jahrhundert

Die „geschlossene Vererbung“

Im Gegensatz zum Herzogtum Württemberg, in dem die landwirtschaftliche Fläche durch Realteilung immer mehr zerstückelt wurde, galt in Oberschwaben das „Anerbenrecht“: Höfe, Lehengüter und Selden wurden ungeteilt an einen Erben – häufig den Ältesten, oft aber auch den Jüngsten – weitergegeben. Der Wert des zu vererbenden Anwesens wurde auf eine bestimmte Summe angeschlagen, von der eine den übergebenden Eltern oder dem überlebenden Elternteil auf Lebenszeit zu reichende „Leibnus“ – Kost, Wohnung, Kleidung und andere eventuell vereinbarte Leistungen - abgezogen wurde. Der um die vorhandenen Schulden noch weiter gekürzte Anschlag wurde schließlich gleichmäßig unter die erbberechtigten Kinder aufgeteilt; die „weichenden Erben“ hatte der neue Hofinhaber entsprechend „auszulösen“. Abgezogen wurde, was für die Mitgift einer Schwester oder die Einheirat eines Bruders in einen anderen Hof bereits vorher ausgegeben worden war. Die „Auslösung“ selber erfolgte meist in zeitlich wie in ihrer Höhe genau festgelegten „Zielern“, die bei nicht rechtzeitiger Zahlung zu verzinsen waren. Die jeweilige Herrschaft behielt sich aber stets die Genehmigung der Teilung vor; achtete sie doch darauf, dass das Gut lebensfähig blieb und niemand übervorteilt wurde1.
Die „geschlossene Vererbung“ war so Segen und Fluch zugleich. Der Herrschaft, welche die Teilung bestehender Güter nur in Ausnahmefällen genehmigte, sicherte sie den Erhalt der  landwirtschaftlichen Struktur mit einer großen Zahl mittel- und großbäuerlicher Höfe; wer jedoch ausgesteuert wurde oder gar, aus einer unterbäuerlichen Schicht kommend, nur ein geringes Erbe erhielt, musste sehen, wo er blieb. Eine große Auswahl gab es dabei nicht. Betuchten Bauerntöchtern und –söhnen glückte vielleicht durch Einheirat oder Kauf der Erwerb eines Hofes, einem Handwerkersohn in einer benachbarten Stadt die Aufnahme in das Bürgerrecht und eine der Zünfte – oft um den Preis einer Heirat mit der Meisterswitwe. Manch ledige Magd trat als Laienschwester in ein Frauenkloster ein, manch lediger Sohn ließ sich zu den Soldaten werben. Im Zweifelsfall blieb aber nur ein Leben in Abhängigkeit, als Magd oder Knecht auf dem Land, als Beisitzer oder „Ehhalte“ (Dienstbote) in einer Stadt, daheim oder in der Fremde, mit wenig Hoffnung auf ein Weiterkommen und der steten Gefahr, in Armut abzusinken. Der Weg in die Kriminalität, den – wie die „Jaunerlisten“ zeigen – nicht wenige einschlugen, nahm meist ein frühes und schnelles Ende. Der Biberacher Chronist Johann Heinrich von Braunendal berichtet so zum Jahre 1738 aus Anlass der Hinrichtung von vier Mitgliedern einer Räuberbande, nur einer von ihnen sei dreißig Jahre alt geworden2.


Die sozialen Schichten

Das Verhältnis der einzelnen Schichten zueinander vermag das Beispiel des reichsstiftischen Marktes Ochsenhausen zu zeigen. Von den im Jahre 1730 119 Haus- und Hausteilbesitzern besaßen
14   20-53 Jauchert,
15   10-19 Jauchert,
29    5 - 9  Jauchert,
24    1 - 4  Jauchert und
36    unter einem Jauchert,
die Hälfte also bescheidene zwei und noch weniger Hektar3. Das gesamte Gebiet der Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen zählte um 1720  in 859 Häusern 878 belehnte Untertanen, von denen aber „kaum 30 rechte Bauern“ mit je 60 – 90 Jauchert (30 – 45 ha) Grund und Boden waren, die übrigen „nur geringe Bauern, Seldner, Taglöhner“ und Almosenempfänger. Nicht in diesen Zahlen enthalten sind die Beisitzer und die sonstigen Einwohner, die – wie z.B. die Dienstboten – keine Lehen besaßen4.

Die Zunahme der Bevölkerung im 18. Jahrhundert fand so – bedingt gerade auch durch das Anerbenrecht – „hauptsächlich an der Basis der Bevölkerungspyramide“5 statt. Nur in beschränktem Maße boten Teilungen bestehender Höfe, Neugründungen kleinbäuerlicher Betriebe und der Bau von Häuschen für nicht Gemeindeberechtigte zusätzliche Wohn- und Erwerbsmöglichkeiten. Im Markt Ochsenhausen stieg so in den 54 Jahren zwischen 1730 und 1784 die Zahl der Haus- und Hausteilbesitzer nur um 18 auf 137. Einen gewissen Ausweg bot der – in Zahlen nicht fassbare – Einbau sogenannter „Stüble“ in bereits bestehende Häuser oder Nebengebäude6.

Auch in den Städten gab es große Armut: in der Reichsstadt Biberach standen im Jahre 1723 576 Bürgern, von den 92 kein oder nur ein geringes Vermögen besaßen, 103 Beisitzer gegenüber – Tagelöhner und abhängige Handwerker, die kein Bürgerrecht besaßen7. Da aber die Bürger auf die Hilfe des reichen Biberacher Heilig-Geist-Spitals zählen konnten, hatten sie auch in Notzeiten eher noch ein Auskommen. So ließ der Biberacher Rat, als bei der Teuerung des Jahres 1692 die Getreidepreise kurz vor der Ernte ihren Höhepunkt erreicht hatten, den ärmeren Bürgern – aber nur ihnen - Roggen verbilligt abgeben8.

Eine Ahnung von der Zahl der Almosenempfänger schließlich geben Zahlen aus der Klosterherrschaft Zwiefalten: waren es 1722 350 Arme, die regelmäßig Almosen erhielten, so 1752 509 – trotz einer bereits erfolgten beträchtlichen Auswanderung9.


Pest, Hunger und Krieg und ihre Folgen

1689

Für Oberschwaben waren das Ende des 17. und der Beginn des 18. Jahrhunderts keine gute Zeit. Hagelschlag vernichtete in den Jahren 1688, 1696 und 1702 in Biberach die Ernte; Anfang 1694 brachte eine Geldreduktion die Wirtschaft ins Stocken und ließ die Fruchtpreise sehr hoch steigen10.
Am schlimmsten aber wirkte es sich aus, wenn Kriegsereignisse und Quartierlasten eine bereits um sich greifende Teuerung noch verstärkten. Ein Fanal war das Schicksal der Stadt Ehingen, die französische Truppen am 14. Dezember 1688 geplündert und in Brand gesteckt hatten; Biberach, dem ein gleiches Schicksal angedroht wurde, konnte sich nur um teures Geld loskaufen11. Nur wenige Monate später notierte dann der damalige Biberacher Geheime Rat Johann Georg Lupin in seiner „Chronick“: „Die Frucht stige diser Zeit sehr hoch, also das gegen Ostern das Malter Kern fl 10, Roggen fl 8 und Haaber fl 5 20 kr, ja noch drüber der Haaber, golte. Nahm dannenhero under Burger und Bauren die Armuthey so überhand, das ausser und inner der Statt sehr vil dem Almosen nachgehen mußten, sonderheitlich und weilen wegen des französischen Krigs“ – des von 1688 – 1697 dauernden Pfälzischen Kriegs – „aller Handel und Wandel im ganzen Land sich genzlich steckte12.“ 1690 klagte er, dass die Biberachischen Untertanen „durch Führung des Proviants und Munition zu der Kaiserlichen Armee schröcklich strappezirt“ worden seien; „gienge eine greuliche Summ selbigens auf der Thonau über Ulm herauf, von hir weiter bis auf Costanz, wo es auf den Rhein kam, und wurde alles hir abgeladen. So erlitten sie auch überaus vil Costen und Trangsaalen von denen durchmarchirenden Kaiserlich Daffischen und Montecuculischen, sodann Sachsen-Coburgischen Regimentern, so alle in das Savoyische und Mailandische giengen13.“

Winterquartiere – in und um Biberach lag bis Ende Mai ein Kurbayrisches Regiment – verschärften die Teurung des Jahres 1692. Lupin schrieb so am 6. März: „Weilen wegen einreissenden Theurung, da das Malter Kern bereits auf fl 11, das Malter Roggen über fl 8, das Virtel Gersten auf 50 kr und das Virtel Haber auf 30 kr kame, die Bettelleuth sich so gar starck mehreten und den ganzen Tag hindurch den Leuthen vor den Heusern beschwärlich waren, alß wurde von loblicher Obrigkeit eine Bettelordnung gemachet14.“

Und so war es kein Zufall, dass es in den Jahren 1689 – 1692 – am 6. September 1688 war Belgrad erobert worden - zu einer ersten großen Auswanderungswelle nach Ungarn kam. 1692 wollte gar bis auf einen einzigen die ganze Gemeinde Unterwachingen nach Ungarn auswandern15. Damals aber hatte sich das Kriegsglück bereits wieder gewendet: 1690 war den Türken, da Österreich durch König Ludwig XIV. von Frankreich im Pfälzischen Erbfolgekrieg gebunden war, die Rückeroberung Belgrads gelungen. Durch den Sieg des „Türkenlouis“, des Markgrafen Ludwig von Baden, in der Schlacht von Szlankamen konnten 1691 aber Ungarn und Siebenbürgen gehalten werden. Erst der große Sieg des Prinzen Eugen von Savoyen in der Schlacht bei Zenta im Jahre 1697 bereitete dann den Weg für den Frieden von Karlowitz (1699), der als Grenzen der beiden Reiche die Flüsse Theiß und Donau bzw. Donau, Bosut und Save festlegte16.

                                                   

1712

Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) wurde Oberschwaben, nachdem am 8. September 1702 bayrische Truppen die Reichsstadt Ulm eingenommen hatten, erneut zum Kriegsschauplatz. Freund und Feind sogen das Land gleichermaßen aus17. Am 29. September 1702 kam es vor der Stadt zu einem Gefecht zwischen kaiserlichen Husaren und bayrischen Dragonern18; am 1. Juni 1703 lagen Franzosen in und um Biberach19. Solange dann französische Truppen in Riedlingen lagen, musste ihnen, wie der nunmehrige Evangelische Bürgermeister Johann Georg  Lupin in seine Chronik eintrug, jeden Tag „ein fast Unbeschreibliches an Heu, Haber, Brodt, Stroh, Vieh, Holz, Fürspahn“ zugeführt und ebenso eine stattliche Summe Geldes erlegt werden20. Am 30. August 1703 zogen kaiserliche Truppen unter dem Kommando des „Türkenlouis“ Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden durch. „In der Statt hielte man sich zwar ganz still, vor dem Thor aber wurde alles geraubet und geplündert ... Der noch im Feld gestandne Sommerösch wurde genzlich ausfouragirt, zertretten und zerfrezet, und was die Soldaten etwan daran noch übrig liessen, das wurde von einem starcken Hagelwetter, so gleich nach dem Anmarch der Völcker einfiele, vollends erschlagen21.“  Zur Bewachung eines Magazins blieben 200 württembergische Fußsoldaten bis 11. Oktober in Biberach stationiert22. Und am Ende des Jahres – seit dem 13. Oktober lag wieder französische Besatzung in der Stadt23 – notierte Lupin: „Die Seuchen und Sterben rissen von Tag zu Tag mehr und mehr ein, wie dan fast kein Tag vergienge, das nicht allerwenigst eine Leich ausgetragen wurde; so begunten auch unterschidliche Burger wegen des so schwären Quartirlastes Haus und Hof zu verlassen und zu entlauffen24.“ Lupin selber starb am 19. April 1704, nachdem er erst kurz vorher aus französischer Geiselhaft zur Erzwingung von Kontributionen entlassen worden war25. Er erlebte so nicht mehr, wie die Franzosen nach der Schlacht bei Höchstädt am 13. August 1704 Oberschwaben fluchtartig räumten26. Glücklicherweise nur für einige Monate kehrte der Krieg im Jahre 1707 dann noch einmal nach Biberach zurück27. Als dann am 17. August 1707 ein Detachement französischer Dragoner nach Biberach kam, um die versprochenen 40.000 Franken Kontribution abzuholen, begnügte sich der kommandierende Offizier zwar mit einem „Douceur“, nahm aber den Spitalregistrator Franz Felbinger als Geisel nach Straßburg mit28.

Dass es nicht schon damals – viele Bürger und Bauern, von denen nicht wenige ihre überschuldeten Höfe aufgeben mussten, waren durch den Krieg verarmt – zu einer neuen Auswanderungswelle nach Ungarn kam, verhinderte der 1703 in Ungarn losbrechende Aufstand unter der Führung Franz II. Rakoczis, in dessen Verlauf die „Kuruzzen“ nach Westungarn und in die Südsteiermark, ja sogar bis Wien vordrangen. Erst 1711 fand er im Frieden von Sathmar sein Ende. Für die Aufständischen unterzeichnete ihn Rakoczis Stellvertreter Graf Alexander Károlyi, dessen Güter im ungarischen Komitat Sathmar  - wie er damals schrieb – durch innere Unruhen, die unheilvolle Pest, die überaus schädlichen Überschwemmungen, durch wunderlich aussehende Fliegen und Unmengen von Mäusen heimgesucht worden wären29.

1712 begann so erneut eine umfangreiche Auswanderung nach Ungarn. Graf Alexander Károlyi und seine Nachfolger warben für die Wiederbesiedlung ihrer Güter ganz bewußt vor allem Katholiken aus Oberschwaben an, so dass in Sathmar ein fast rein oberschwäbisches Gebiet entstand, das allein schon deswegen oberschwäbische Siedler besonders anzog30. Die ersten der Angeworbenen, etwa 300 Familien mit 1400 Personen, kamen im Juni und Juli 1712 in Sathmar an. Der Graf erhoffte sich von den Schwaben nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch ein gutes Beispiel für seine einheimischen Bauern. „Gott wird sie und mit ihnen auch uns segnen“31.

Doch die Wirklichkeit sah oft ganz anders aus, als man den Auswanderern versprochen hatte. Zusagen wurden nicht eingehalten, Krankheiten dezimierten die Siedler. Von 251 Männern, die 1712 nach Sathmar kamen, waren - wohl im Sommer 1712 – 174 geblieben, 91 geflohen und nicht wenige gestorben32; neben der Flucht in andere Dörfer und Herrschaften nahm auch die Rückwanderung in die alte Heimat große Ausmaße an33. 1716 war Schinal mit seinen 63 Bauern noch die einzige schwäbische Gemeinde im Komitat34.

Auch andernorts war die Lage nicht besser: von den 188 Familien, die zwischen 1712 und 1714 im südungarischen Tevel, in der „Schwäbischen Türkei“, ankamen, lebten 1715 später nur noch 48 dort35. Wie es den Auswanderern ging, berichtete unter dem Datum des 14. Juli 1712 Franz Horvath, der mit einer ersten Gruppe von 40 Familien am 12. Juni 1712 dort angekommen war, seinem Herrn Ladislaus Döry von Joboháza: „Während ich abwesend war, haben sie beinahe den Verwalter totgeschlagen, alle gingen auf ihn los, daß wir sie in ein so elendes Land gebracht haben, man kann den ganzen Tag gehen, ohne eine Seele zu treffen, man sieht nichts als nur große Öde, was auch wahr ist. Hätte sie der Herrgott in ihrem Land umkommen lassen; solange ich auf dem Wasser reiste, trug ich mein Leben wegen der schlechten Witterung in Händen, hier auf dem trockenen Land bin ich schon nicht mehr ruhig unter ihnen; wie die ausgehungerten Wölfe weinen, schreien und kreischen sie um mich herum, daß ich wohlbekannt mit dem Zustand dieser Orte sie absichtlich zum Wolfsköder hierher gebracht habe36.“ Und zwei Wochen später schrieb er: „Von den 40 Bauern habe ich 12 zurückgelassen, als ich wegging, ich weiß nicht, bis ich heimgehe, wie viele fehlen werden. Langsam wird es ein voller Monat, seitdem ich sie mit der bloßen Hoffnung aufrecht halte. Ich wundere mich, daß die wenigen geblieben sind. Was der Mensch denken kann, mit allem halte ich sie aufrecht, aber bald geht der Sommer zu Ende und wir haben weder gepflügt noch gesät noch Häuser gebaut. Wir haben weder Ochsen noch Wagen, weder Kühe noch Saaten, ich weiß nicht, worauf wir hoffen können. Wenn diese Dinge da wären, würden alle wieder zurückkommen, die verlaufenen Leute37.“

Durchaus nicht alle wanderten aus freien Stücken nach Ungarn aus: nicht wenige Herrschaften nutzten die Gelegenheit, sich unerwünschter Bewohner zu entledigen. So drängte die Stadt Biberach ihre Beisitzer „besonders bei der stattlichen Gelegenheit in Ungarn“ zur Auswanderung38. Von denen, die aus Ungarn zurückkehrten, nahm das Kloster Ochsenhausen zwar frühere Untertanen, frühere Beisitzer aber oft nicht wieder auf39; in Zwiefalten ließ man 1712 von den 20 zurückkehrenden Familien die meisten nicht wieder in die Herrschaft ein40. Und als der Biberacher Bürger Johann Georg Wißer den Rat der Reichsstadt um „gnädige Widerauf- und –annemmung“ seines Schwagers, des Büchsenmachers Johann Georg Brugger, dessen Frau und seiner zwei Kinder bat, nachdem sich 1713 die erhoffte Anstellung im Ofener (Budaer) Zeughaus wegen der dort herrschenden Seuche zerschlagen hatte und er in Graz, wo er bereits einmal als Geselle gearbeitet hatte, keine Zulassung als Meister oder auch nur eine längerdauernde Arbeit erhielt, bekam er am 29. Januar 1714 den knappen Bescheid: „Suplicant ist bis auf bessere Zeiten verwisen41.“

Doch nicht nur Arme und Besitzlose setzten auf eine Auswanderung ihre ganze Hoffnung. Im September 1713 bewarb sich der Biberacher Spitalregistrator Franz Felbinger um eine „Dienstverwaltung in Hungarn“: wegen der großen Teuerung reiche für seine Haushaltung – Frau, Stieftochter und fünf Söhne – seine Besoldung von 300 Gulden nicht aus, „zudeme die unerschwingliche Quartiers-, Durchzüg- und Kriegskosten allerdings alles aufzöhren“; auch stamme seine Frau aus Belgrad42.


1718

Auch nach dem Ende des spanischen Erbfolgekrieges im Jahre 1714 besserte sich die wirtschaftliche Lage in Oberschwaben nur langsam. Zahlen für die Reichsstadt Biberach mögen dies belegen. Während das Biberacher Steuerbuch noch für 1698 nur fünf steuerpflichtige Bürger ohne Vermögen und zwei überschuldete nennt, waren es 1726 122 vermögenslose (= 16,8%) und 25 überschuldete Bürger (= 4,9%). Und obwohl das Nettosteuervermögen zwischen 1698 und 1726 um 22% sank, nahm die Zahl der steuerpflichtigen Bürger im selben Zeitraum um über 40% zu. Ein weiteres Indiz für eine wenigstens partielle Verarmung ist der Anstieg des Anteils steuerpflichtiger Bürger ohne Hauseigentum von 1698 bis 1726 um 15,3% auf 35,4%, also auf über ein Drittel! Und längst nicht alle Beisitzer fanden in der Stadt selber noch Unterschlupf: nicht wenige lebten vor den Mauern in Gartenhäusern43.

In Ungarn hatte Sultan Achmed III. im Jahre 1716 erneut einen Krieg begonnen. Nach dem glänzenden Sieg des Prinzen Eugen von Savoyen am 5. August 1716 bei Peterwardein, der Einnahme von Temesvar am 13. Oktober 1716 und der alles krönenden Rückeroberung Belgrads am 22. August 1717 sahen sich die Türken zum Verhandeln genötigt. Der dann am 21. Juli 1718 geschlossenen Friede von Passarowitz überließ Österreich die neueroberten Gebiete, so die Walachei, Teile Serbiens mit Belgrad und das Banat von Temesvar44.

Nach dem Ende der Kämpfe setzte erneut eine Auswanderungswelle nach Ungarn ein, die durch gezielte Werbung noch verstärkt wurde. Was den Siedlern versprochen wurde, zeigt der im September 1718 bei Valentin Ulrich in Riedlingen gedruckte Werbezettel des Biberacher Senators und Kornmeisters Franz Felbinger45, der im Auftrag des ungarischen Agenten beim Hofkriegsrat Ladislaus Döry von Jobaháza  - der schon  1712  Auswanderer in seine Herrschaft kommen ließ46 - weitere Siedler für Tevel anwarb: „Erstlich, daß jedem dahin Kommenden für aigen eingeraumt wird an einem fruchtbahren, mit Brunnen-Quell und Waldungen versehenen Orth 30 Jauchert Acker, 8 Tagwerck Wisen, 16 Tagwerck oede Weinberg, ein Platz zu Hauß und Garten von 18 Klaffter brait und 45 Klaffter lang, Holtz zum Bauen umsonst, zum Brennen um leidendlichen Preiß, 3 Frey-Jahr, kein Leibeigenschafft, das Wein-Schencken von Michaelis biß Weynachten, Wayd genug von 20 biß 25 Stuck Vieh, darunter Schaaf und Schwein nicht begriffen.
Für ein solches gibt jeder dahin Gehende 50 fl halb beym Antritt und halb nach 2 Jahren, nach verflossenen 3 Frey-Jahren gibt jeden in 2 Terminen Jährlich Gelt 5 fl, 9 Frohn-Dienst mit der Hand und 9 mit dem Zug- oder Pflug, dann jährlich 1 Fuhr auf 6 Meil Wegs; auch gibt Jeder von 20 Schweinen in das Käß zu schlagen 1 Schwein.
Es kan auch einer ein halbes oder viertel Gut gegen proportionirlichen Beschwerden annehmen. An disem Orth ist auch bereits 1 Teutscher Catholischer Geistlicher und 52 Schwäbische Ehen, und braucht man noch daselbst biß 2000 Ehen, darunter wohl von allerhand Handtierungen können gerechnet werden, welche Herrschafft zumahl von einem Schwäbischen Ambtmann wird verwaltet, und gar keine Ungar-, auch lauter Catholische Leuth angenommen werden.“ Und der Werbezettel tat – auch wenn nicht alles ganz stimmte - seine Wirkung. Die Einwanderer strömten nach Tevel: zwischen 1718 und 1724 kamen 103 Familien, von 1725 – 1731 dann nur mehr 30, 1732/33 allein aber wieder 7547.

Seine spätestens seit Ende 1716 bestehende Verbindung zu Döry nutzte Felbinger auch für private Zwecke. Nachdem sich der Hofkriegsrat am 23. Februar 1718 auf sein Ansuchen hin, „ihme zu erlauben, daß er die zu Belgrad von dessen bey der im vorigen Türckhenkrieg durch die Kayserlichen Waffen beschehene Eroberung solcher Vestung gefangen wordener jezigen Ehewürthin und getaufter Türckhin damahlen unter die Erden verborgenen Mobilien, auch Golt- und silbergeschir aufsuchen und außgraben dörfe,“ dafür ausgesprochen hatte, ihm die Reise nach Belgrad zu gestatten, wandte sich Felbinger mit der Bitte, „dero Reichsstadt Biberach allergnädigst anzubefehlen, daß sie mir und meiner Ehefrauen auf fünf Monat hinaus nacher Belgrad zu reißen ohne ferners Wegeren verstatten und erlauben, auch biß zu unserer Wiederkunft unßere Dienste durch unsere Bestellete ad interim versehen lassen und an keine andere vergeben sollen“, direkt an Kaiser Karl VI. Unter dem Datum des 13. April 1718 fertigte dieser dann auch den gewünschten Befehl aus. Mit einem leider undatierten Anschreiben übergab Felbinger es dem Geheimen Rat48.

Bereits in seiner Sitzung vom 8. März 1718 aber hatte der Biberacher Rat Felbingers „gehorsamstes Anlangen und Bitten“ behandelt. „Weil ein fürnehmer Cavalier in Wien“, so Felbinger, „seine Geschäft wegen seiner Haußfrau zu und um Belgrad habenden Güther etc. bey dem Kayserlichen Hoffkriegsrath zu Wien in solchen Stand gebracht, daß an einem guten Schluß und Einraumung ein oder des andern nit zweifle, doch daß sich ohnverzüglich auf Wien verfügen und nebst Producirung seiner Haußfrau Tauf- und einem Heurathsschein erscheinen solle etc.“, bat er, ihm zu erlauben, „zu dem Ende so vorhabende Reiß vornemmen und etwan von 10 in 12 Wochen außer hiesiger Stadt, allein mit Vorbehaltung aller seiner Ehrenstellen und Bedienstungen, seine nöthige Geschäft in obiger Angelegenheit verrichten zu mögen etc.“. Obwohl es der Rat lieber gesehen hätte, wenn er dieses Geschäft durch jemand anderen hätte verrichten lassen, so beschloss er doch, „weilen aber selbiger sein Heil dardurch zu suchen vermeinth, so ist ihme endlich der gebettene obrigkeitliche Consens zu der vorhabenden Reiße, allein länger nicht als auf 2 Monath, mit Vorbehaltung dessen Ehrenstellungen und Bedienstungen gnädiglich ertheilt, mitler Zeit aber einem Löblichen Geheimen Collegio wie auch Herren Stattrechnern die Interimsbestellung bestens recommendiert worden49.“

Doch die Reise zerschlug sich. In seinem Brief an Döry vom 18. Juni 1718 schrieb Felbinger, er habe die Reise nach Wien nicht angetreten, da er in Ulm das Schiff versäumt und ihn in Wien so nicht mehr angetroffen hätte. Aber sein Sohn, der nach Belgrad abgereist sei, werde ihm alles berichtet haben.50

Graf Károlyi dagegen verließ sich für seine Güter in Sathmar nicht auf Agenten: er sandte oberschwäbische Auswanderer als Werber zurück in ihre alte Heimat. Der aus dem heggbachischen Klosterdorf Maselheim bereits 1712 nach Schinal ausgewanderte Anton Ölmayer kehrte so 1720 mit den von ihm angeworbenen Schwaben in Begleitung eines katholischen Priesters nach Sathmar zurück51. Waren es 1720 und 1721 jeweils etwa zwei Dutzend Siedler52, so 1722 dann mehr als 8053. Mit den 1723 neu angekommenen Familien zählte man so in diesem Jahr in den drei Dörfern Schinal, Fienen und Großmaitingen 247 schwäbische Bauern. Eine am 15. Juni 1723 erstellte Auflistung nennt nicht nur ihre Namen und ihren Herkunftsort, sondern zum Teil auch die Namen ihrer Söhne und die Berufe. 104 der Genannten stammten dabei aus dem heutigen Landkreis Biberach; sie kamen aus 44 verschiedenen Orten54.

Das 18. Jahrhundert


Auch wenn Oberschwaben zwischen 1707 und 1796 von unmittelbaren Kriegshandlungen verschont blieb: Mißernten, Viehseuchen und die Kriege des 18. Jahrhunderts – der Polnische Thronfolgekrieg (1733-1735), die beiden Schlesischen Kriege (1740-1748) und der Siebenjährige Krieg (1756-1763) - belasteten die Bevölkerung immer wieder von neuem.

Ein Indikator für die Belastungen der Untertanen ist die Höhe der „Anlagen“, einer Kriegssteuer, die je nach Bedarf in unterschiedlicher Höhe erhoben wurden. 1692 waren es im Gebiet der Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen so 21, 1705 22 und 1712 noch 14; doch konnten sie die Untertanen wegen „Foraschier, Plünderungs- und anderen Drangsalen“ nicht aufbringen. Waren es in den 20er Jahren dann zwischen 6 und 10, so erforderten „Kriegstroublen“ bereits 1734 eine 20-fache Anlage; dazu kam noch eine Fruchtteuerung. In der Zeit der Schlesischen Kriege, als meist 12 Anlagen eingezogen wurden, nahm die Not noch einmal zu, und auch in der zweiten Jahrhunderthälfte wurde es nicht sehr viel besser; Mißernten, Unwetter und immer wieder auftretende Viehseuchen gipfelten in der großen Hungersnot von 1770/71. Und als Oberschwaben nach 1796 erneut zum Kriegschauplatz wurde, stieg die Not aufs Höchste55.

Das ganze 18. Jahrhundert hindurch ging so – trotz eines neuen Türkenkrieges in den Jahren 1736-1739, der zum erneuten Verlust Belgrads führte - die Auswanderung aus Oberschwaben nach Ungarn weiter; 1735 warb der aus Ellmannsweiler bei Biberach stammende Martin Grötzinger Siedler für Sathmar56. Einen neuen Schub brachten 1770/71 die große Hungersnot
und 1781 das Fallen der Konfessionsschranke: auch Evangelischen war nun die Einwanderung nach Ungarn möglich. Und noch im Jahre 1800 ließ der Österreichische Hofkriegsrat Familien für die Banater Militärgrenze anwerben; wegen des starken Andrangs musste die Aufnahme im Sommer 1802 vorläufig eingestellt werden57.

Zwischen 1712 und 1838 ließen sich so insgesamt 2072 Familien in den 31 schwäbischen Gemeinden der Grafschaft Sathmar nieder. Rechnet man eine Familie zu vier Personen, so sind es über 8000 Siedler aus Oberschwaben58. Um 1820 lebten in Sathmar dann etwa 20.000 Personen schwäbischer Abstammung, um 1930 über 40.00059.

Und auch Tevel wuchs trotz aller Abwanderungen. Zählte man 1715 48 Familien, so waren es 1805 362: mehr als das Siebeneinhalbfache. Aus kleinsten Anfängen war so in diesem Jahr ein Dorf mit 2024 Einwohnern geworden60.

Ungarn – ein unbekanntes Land?

Zum Schluss noch eine kleine Abschweifung. Was wusste man in Oberschwaben von Ungarn?

Die Nachrichten von der Rückeroberung Ungarns durch die Kaiserlichen verfolgte man in Oberschwaben – wenn man vom Beispiel Biberach darauf schließen darf – sehr genau und aufmerksam; die Eroberung der Festung Neuhäusel (1685) und der „Hauptfestung“ Ofen (1686), der Sieg bei Mohacz (1687) wie die Einnahme Griechisch Weißenburgs, also Belgrads (1688) wurden mit Dankfesten gefeiert, der Friede von Karlowitz (1699) mit einem „solennen Dank-, Frieden-und Freuden-Fest61.“ Über die Feier des Sieges in der Schlacht bei Zenta im Jahre 1697 berichtet Lupin: „6. Octobris wurde ein solennes Danck und Freudenfest von beederseits Religionen allhir gehalten wegen der herrlichen den 11. Septembris von denen Kaiserlichen wider den Türcken unweit Zenta und Klein Canischa under Commando Ihrer Durchlaucht Prinzen Eugenii von Savoyen erhaltnen Victori, da laut eingelofnen Berichts Türckischerseits todt gebliben 22 000 Mann, worunter der Janitscharenaga und 27 Bassen, 12 000 ersoffen und gefangen, 6 000 blessirt, auch 8 Roßschweif, 6 000 Wagen, 8 000 Pferdt, 12 000 Büffelochsen, eine grosse Menge Camel, 162 gros und kleine Stuck Geschüzes, 500 Fahnen, 48 Paucken, eine grosse Menge Proviant, viel Munition, worein aber Feur kommen und einigen Schaden verursacht, nebst allen Zelten, worunder auch des Sultans gewesen, so auf 400 000 fl geschäzet worden, und dessen Leibwagen mit 10 Kebsweibern erorbet worden. Eine vortrefliche Victori, wofür dem höhsten Gott billig grosser Danck zu erstatten und umb ferneren Sig der Kaiserlichen Waffen wider disen Erbfeind instendigst zu erbitten62.“

Doch auch Augenzeugenberichte werden ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Am 15. Oktober 1686 übernachtete ja der im Jahre 2003 seliggesprochene Kapuziner P. Marco d’Aviano, der an der Belagerung Wiens im Jahre 1683 als päpstlicher Legat teilgenommen hatte und noch bis 1689 die Feldzüge als Prediger und Seelsorger begleitete, im Biberacher Kapuzinerkloster63. 1689/90 lag der Hofstab des Dragonerregiments des Prinzen Eugen – wie auch wieder im Frühjahr 1736 – in und um Biberach64, 1691/92 das für Ungarn bestimmte Kurbayrische Dragonerregiment unter General Graf Arco und 1735/36 das Kaiserlich Battianische Regiment65. Manches wird dabei über Ungarn erzählt worden sein.

Oberschwaben und Ungarn

War Ungarn nach den Türkenkriegen ein weithin entvölkertes Land, so Oberschwaben bei aller Fruchtbarkeit – es war ja die Kornkammer der Nordost-Schweiz – und trotz einer insgesamt geringen Bevölkerungsdichte ein Land, in dem viele kaum eine Aussicht auf ein Fortkommen, noch weniger  auf einen sozialen Aufstieg haben konnten, ja oft nicht einmal heiraten durften. So bedurften es in prekären Situationen nur eines kleinen Anstoßes, um eine Auswanderungswelle auszulösen, um das Glück in der Fremde – und das hieß in den meisten Fällen Ungarn und in vielen Sathmar – zu suchen. Zudem machten es die kleinräumigen oberschwäbischen Herrschaften Werbern leichter als größere und durchorganisierte Staaten. Und nicht selten ließ man in Oberschwaben Personen und Familien aus klein- und unterbäuerlichen Schichten sogar gerne ziehen, immer wieder auch, ohne weitere Abgaben zu verlangen, und ebenso ausgesteuerte Bauernsöhne und –töchter, die man auf das Versprechen der Auswanderung hin dann auch heiraten ließ. Und oberschwäbische Siedler erfüllten ja auch eine grundlegende Bedingung: sie waren katholisch. In die neue Heimat brachten sie so auch die Verehrung der ihnen vertrauten Heiligen, so des Hl. Wendelin, mit, und um eine gotische Madonna, welche Auswanderer aus Offingen und Dietelhofen vom Bussen nach Hajos mitgebracht hatten, entwickelte sich sogar eine Wallfahrt66. Und einer der Auswanderer, der aus Riedlingen stammende Johann Christoph Baitz, brachte es um 1730 bis zum Bürgermeister von Ofen (Buda)67.

Auch wenn das Sprichwort „Des Ersten Tod, des Zweiten Not, des Dritten Brot“ oft zugetroffen haben mag: mit schwäbischem Fleiß schufen die Auswanderer in Ungarn blühende Dörfer, die in ihrer Sprache und Kultur schwäbisch blieben. Für Sathmar resümiert Vonház: „Als Endergebnis können wir feststellen, daß die ein Jahrhundert (1712-1830) überschreitende Besiedlungstätigkeit der Grafen Károlyi nicht vergebens war. Die hohen Ausgaben und die materiellen Opfer brachten ihre Früchte. Die zähen und ausdauernd arbeitenden schwäbischen Siedler bauten auf den einst verlassenen, öden Gründen blühende Gemeinden auf und verwandelten die öden Felder und verwilderten Waldungen in fruchtbares Ackerland68.“  Und als diese Aufbauleistung nichts mehr galt und die Deutschen aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten, halfen sie tatkräftig mit, das am Boden liegende Deutschland wieder aufzubauen – auch wenn sie oft spüren mussten, dass sie nicht unbedingt willkommen waren.

Bereits schon 1962 hat dann der Landkreis Biberach die Partnerschaft über die Landsmannschaft der Sathmarer  Schwaben – der Nachkommen oberschwäbischer Auswanderer – übernommen und sie nach Möglichkeit unterstützt. Und es ist für die nach 1945 Vertriebenen eine große Genugtuung, dass ihre Leistung heute auch in ihrer alten Heimat wieder anerkannt wird.

Quellen und Literatur

Kath. Pfarrarchiv Biberach: Kirchenbücher 1708  - 1734; Kath. Ratsprotokolle  vom 29. März 1714 und 26. Juli  1725;  Akten des Kath. Rats Best. P 8.

Stadtarchiv Biberach: Bürgerbücher C 33 Nr. 1 und 2 1710, 1721; Gemeinschaftliche Ratsprotokolle vom 4. November 1715, 8. März 1718, 20. August 1720 und 7. Februar 1721.

Diemer, Kurt: Knappheit, Mangel, Hungersnot. Schlechte Zeiten in Biberach, in: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach 29. Jahrg. 2006 Heft 2 11ff (Zit.: Diemer, Knappheit).

Diemer, Kurt: Biberach an der Riß. Zur Geschichte einer oberschwäbischen Reichsstadt, Biberach 2007. (Zit.: Diemer).

Diemer Kurt: Biberacher Chroniken des 17. und 18. Jahrhunderts. Johann Georg Lupin, Johann Heinrich von Braunendal, Eggingen 2009 (Zit.: Diemer, Chroniken).

Eppel, Johann: Tevel. Zweieinhalb Jahrhunderte schwäbische Ortsgeschichte in Ungarn 1701-1948, Budapest 1988 (Zit.: Eppel).

Fata, Márta: Ursachen und Bedeutung der Migration aus Oberschwaben nach Ungarn im 18. Jahrhundert, in: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach 29. Jahrg. 2006 Sonderheft 67ff (Zit.: Fata).

Fata, Márta (Hg.): „Die Schiff stehn schon bereit“. Ulm und die Auswanderung nach Ungarn im 18. Jahrhundert, Ulm 2009 (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, Reihe Dokumentation Bd. 13).

Grees, Hermann: Sozialstruktur und Sozialtopographie Biberachs um 1700, in: Dieter Stievermann (Hg.), Geschichte der Stadt Biberach, Stuttgart 1991 367ff. (Zit.: Grees, Biberach).

Grees, Hermann: Siedlung und Sozialstruktur im Gebiet des Klosters Ochsenhausen bis zum Ende der Klosterzeit, in: Max Herold (Hg.), Ochsenhausen, Weißenhorn 1994 139ff (Zit.: Grees).

Grees, Hermann: Aus der Geschichte des Kloster- und Marktfleckens Ochsenhausen in der Klosterzeit, in: Max Herold (Hg.), Ochsenhausen, Weißenhorn 1994  461ff (Zit.: Grees, Ochsenhausen).

Hacker, Werner: Auswanderungen aus Oberschwaben im 17. und 18. Jahrhundert, Stuttgart/Aalen 1977 (Zit.: Hacker).

Luz, Georg: Beiträge zur Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Biberach, Biberach 1876 (Zit.: Luz).

Riotte, Andrea: Zwischen Abwehr und Ohnmacht. Der Spanische Erbfolgekrieg 1701-1714, in: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach 26. Jahrg. 2006 Heft 1 25ff (Zit.: Riotte).

Taddey, Gerhard (Hg.): Lexikon der Deutschen Geschichte, Stuttgart 19983  (Zit.: Taddey).

Vonház, Stefan: Die deutsche Ansiedlung im Komitat Sathmar, hrsg. von Stefan Koch, Selbstverlag Laupheim 1987 (Zit.: Vonház).


                                                           Anmerkungen

1.   Grees S. 169-173.
2.   Diemer, Chroniken S. 210f.
3.   Grees, Ochsenhausen S. 502f.
4.   Grees S. 197.
5.   Grees S. 198
6.   Grees, Ochsenhausen S. 502f.
7.   Grees, Biberach S. 369.
8.   Diemer, Chroniken S. 70.
9.   Hacker S. 154.  
10. Diemer, Chroniken, S. 38, 76, 82, 104. -  Bezeichnend ist, dass Vonház in seiner Einleitung einen Abriss der
      Geschichte Württembergs und nicht Oberschwabens bringt.
11. Diemer, Chroniken S. 51.
12. Diemer, Chroniken S. 53.
13. Diemer, Chroniken S. 60.
14. Diemer, Chroniken S. 69.
15. Hacker S. 134.
16. Taddey S. 1270.
17. Riotte S. 25ff.
18. Diemer, Chroniken S. 105.
19. Diemer, Chroniken S. 108f.
20. Diemer, Chroniken S. 109.
21. Diemer, Chroniken S. 110f.
22. Diemer, Chroniken S. 111.
23. Diemer, Chroniken S. 111.
24. Diemer, Chroniken S. 113.
25. Diemer, Chroniken S. 116.
26. Vgl. Diemer S. 167f.
27. Diemer S. 168f.
28. Luz S. 305. In einem im Kath. Pfarrarchiv Biberach (P 8) liegenden, nach dem 29. Januar 1714
      verfassten Schreiben an den Biberacher Katholischen Rat  - seinem Bewerbungsschreiben um die Senatoren-
      wie die Gräth- (Korn-) Meisterstelle - geht Felbinger ausführlich auf diese Geiselhaft ein. – Den
      Spitalregistrator (so 1707) Franz Felbinger nahm die Stadt am 11. April 1710 zusammen mit seiner
      Frau gratis als Bürger auf. Zunächst Gerichtsbeisitzer, wurde er am 29. März 1714 in den Inneren Rat wie
      zum Gräthmeister und am 26. Juli 1725 schließlich zum Oberbaumeister gewählt (freundlicher Hinweis von
      Andrea Riotte). Die Wahl nahm er aber nur unter der Bedingung an, dass ihm vorläufig noch die Verwaltung
      der Katholischen Kasse und der Kriegskasse wie auch die Schmiedezunft verbleiben sollten, da er noch drei
      Kinder zu versorgen habe; der Sohn Joseph Anton war am 4. April 1708 in Biberach getauft worden.
      Felbinger  starb am 4. Juni 1727 im Alter von 54, seine Frau Maria Barbara am 11. August 1734 im Alter
      von 67 Jahren. Zu seiner Bewerbung für Ungarn im Jahre 1713, seiner Rolle als Auswanderungsagent und zu
      seiner geplanten Reise nach Belgrad im Jahre 1718 vgl. die Ausführungen S.    
29. Vgl. Vonház Dokument 1 S. 255 f und Fata S. 69. – Zu den Kuruzzenkriegen vgl. Taddey S. 718. Aus
      „Kuruzzen und Türken“ wurde schließlich der Fluch „Kruzitürken“
30. Eine von privater Seite erstellte maschinenschriftliche  Liste mit dem Schwerpunkt auf dem Gebiet der
      Prämonstratenserreichsabtei Schussenried (Kopie im Besitz des Autors) enthält 186 Namen von
      Auswanderern aus Oberschwaben nach Sathmar. Nach Jahren ergeben sich die folgenden Zahlen:
          1712-1713       25 (1712 allein 24)
       1717-1718         3
          1720-1724     104 (1722 allein 36, 1723 41)
          1726-1727         5
          1731-1737       16
          1742-1748         9
          1753-1757         8
          1760-1769         7 und
          1771                   3.
      Sechs Auswanderer konnten chronologisch nicht zugeordnet werden.
31. Vonház S. 16-18.
32. Vonház S. 16. Namenslisten Dokument Nr. 6 S. 268-271.
33. Vonház 16. – Vgl. dazu Fata, Márta, Verlorene Heimat? Die Stellung der Stadt Ulm zu Rückwanderung der
      Schwaben aus Ungarn 1712/13, in: Fata, Márta, „Die Schiff stehn schon bereit“, Ulm 2009 S. 43-57.
34. Vonház S. 20 und Dokument Nr. 17 S. 286-288 mit Namenslisten der Siedler nach dem Stand von 17. Juni
      1716.
35. Eppel S. 44, 49. Dort auch in Anhang 15 S. 115 der Nachweis, daß unter den Siedlern sicher vier
      Oberschwaben waren: aus Otterswang (BC), Reutlingendorf (UL), Ringschnait (BC) und Wangen (RV). –
      Die Siedler wurden im übrigen nach ihrer Ankunft häufig in andere Dörfer abgeworben, indem man ihnen
      bessere Bedingungen versprach.
36. Eppel Anhang 2 S. 91.
37. Eppel Anhang 4 S. 93f.
38. Diemer S. 203.
39. Hacker S. 137.
40. Hacker S. 151f.
41. Kath. Pfarrarchiv Biberach Best. P 8.
42. Eppel S. 47f, 79, 88. Adressat des Schreibens war wahrscheinlich schon damals Ladislaus Döry; das
      Schriftstück findet sich im Döry’schen Archiv. Noch 1718 bewarb sich Felbinger bei Döry um die
      Verwalterstelle in Tevel.
43. Grees, Biberach S. 372, 396f, 381, 415.
44. Taddey S. 958, 1270.
45. Zu Felbingers Tätigkeit für Döry (1716-1718) vgl. Eppel S. 79-89; zu Felbinger vgl. Anm. 28. – Der erste
      Brief Dörys an Felbinger datiert bereits vom 2. Dezember 1716.
46. Vgl. die Ausführungen S.  .
47. Eppel S. 84-88, 122, 127-133. – Am 17. August 1718 schloß Döry daneben noch einen Vertrag mit dem aus
      Maselheim stammenden Marx Schlichthärlin über die „Herundterbringung einige bis ein oder zweyhundert
      Eheleute aus Schwabenlant auf das genedigen Herrn Gut Tevel“. Eppel S. 84.
48. Kath. Pfarrarchiv Biberach Best. P 8; vgl. auch Eppel S. 79-81. - Auf dem Weg nach Belgrad wollte er auch
      seinen damals 16 ½ Jahre alten Sohn Joseph Rudolph besuchen, der als Buchbinder in Preßburg gearbeitet
      hatte und gerade erst in den Franziskanerorden eingetreten war, sich dann aber nach seiner Rückkehr nach
      Biberach Anfang Februar 1721 verheiratete (vgl. den Eintrag im Bürgerbuch).
49. Gemeinschaftliches Ratsprotokoll vom 8. März 1718 S. 507f.
50. Eppel S. 82.
51. Vonház S. 22-28 sowie die Dokumente Nr. 25 und 26 S. 302-306. Die gleichzeitige Reiserechnung eines mit
      Namen nicht bekannten Werbers Vonház Dokument Nr. 24 S. 295-302.
52. Vonház S. 28, 31.
53. Vonház S. 31.
54. Vonház S. 33-56 und Dokument Nr. 33 S. 314-326.
55. Grees S. 197; Grees Ochsenhausen S. 501.
56. Hacker S. 109.
57. Hacker S.46-48.
58. Vonház S. 166.
59. Vonház S. 174.
60. Eppel S. 130, 262.
61. Diemer, Chroniken S. 26, 30, 35, 38, 90.
62. Diemer, Chroniken S. 86.
63. Diemer, Chroniken S. 30f.
64. Diemer, Chroniken S. 57,59,199,202.
65. Diemer, Chroniken S. 68, 70, 197f.
66. Zusammenfassend Henrike Hampe, Die Madonna fährt donauabwärts. Wie eine Statue Oberschwaben mit
      Ungarn verband, in: Fata, Márta (Hg.), „Die Schiff stehn schon bereit“, Ulm 2009, S. 59-71.
67. Beschreibung des Oberamts Riedlingen Stuttgart 19232   S. 451.
68. Vonház S. 176.

Der Aufsatz ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung des Erstdrucks in: Fata, Márta, „Die Schiff stehn schon bereit“, Ulm 2009, S. 31-41.




Abbildungen

Vonház S. 6          Karte der sathmarschwäbischen Gemeinden
Eppel S. 57           Karte der Siedlungen im Komitat Tolna 1712
Vonház S. 34 f      Herkunftsorte der Sathmarer Schwaben
Eppel S. 141         Herkunftsorte der Teveler Siedler
Eppel S. 85           Werbezettel Felbinger 1718
Eppel S. 134         Graphische Darstellung der Einwanderung nach Tevel 1720-1767
Eppel S. 449         Dorfplan Tevel


Dieser Text ist erschienen in BC - Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach 2010/1
Herausgegeben von der Gesellschaft für Heimatpflege (Kunst- und Altertumsverein) in Stadt und Landkreis Biberach e.V.
http://www.gfh-biberach.de

Das Heft ist erhältlich im Biberacher Buchhandel oder bei der Verlagsdruckerei Biberach http://www.bvd.de

 



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