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Ein Ausflug in die Vergangenheit

Festvortrag von Dr. Kurt Diemer (Kreisarchivdirektor Landkreis Biberach i.R.)

am Sippentag 25. September 2005 in Ummendorf-Fischbach)

 

Liebe Angele-Familie, 

es freut mich sehr, Sie heute zu einem Ausflug in die Vergangenheit einladen zu dürfen: wir wollen heute uns ferne Jahrhunderte besichtigen, Jahrhunderte, die weitgehend schon in das Vergessen entrückt sind, ohne die das Heute aber nicht zu denken ist. Unser gemeinsamer Weg führt uns zu vier Stationen, bei denen wir Halt machen und uns ein wenig umsehen wollen:

- zu den ersten Angele,

- zum bäuerlichen Leben im 16. Jahrhundert,

- zum Aufbruch in eine neue Zeit im 18.Jahrhundert, und

- zum Übergang ins Heute im 19. Jahrhundert.

 

Die ersten Angele

Die Heimat der Angele ist wohl Biberach; wird doch 1405, vor nunmehr 600 Jahren, in dem Biberacher Bürger Michel Angele der erste dieses Namens genannt. Bis 1500 finden sich in den Urkunden des Biberacher Spitalarchivs so noch weitere fünf Angele, unter ihnen ein Weber, ein Ratsherr und ein Geistlicher. Ob der aus Winterstetten stammende Nikolaus gen. Angule, der 1360 als Famulus des früheren Biberacher Pfarrherrn Anselm von Königsegg bezeugt ist, schon ein „echter“ Angele war, lässt sich aus Mangel an ergänzenden Quellen nicht entscheiden; möglich wäre es. Angele gibt es aber auch schon 1444 in Höfen, 1463 in Häusern und 1482 in Attenweiler.

Der Schwerpunkt der Angele lag um 1500 aber eindeutig in Höfen, wo der Familie damals fünf der neun Höfe des Biberacher Heilig Geist – Spitals gehörten; ein sechster, 1444 in Barabein erwähnter Angele-Hof war mittlerweile in fremde Hände gekommen.

- Jörg Angelin besaß so einen großen, 1546 in das „Argus“- und das „Adelfisch“- Gut geteilten Hof in Risshöfen,

- Peter Angelin einen Hof in Galmutshöfen, das spätere Breitfisch-Gut,

- Hans Angelin der Jüngere ebenfalls in Galmutshöfen das spätere Groppen-Gut,

- Hans Angelin der Älter genannt Kaiser das 1475 von seinem Vater Martin bestandene

Gut in Galmutshöfen, da spätere Delphin-Gut, und

- Endris (Andreas) Angelin einen Hof in Herrlishöfen, das spätere Barben-Gut.

Peter Angelin aus Galmutshöfen, der im Jahre 1500 als verstorben genannt wird, war unter den ersten Angele eine herausragende Persönlichkeit. 1479 kaufte er so um 300 Pfund Heller in Röhrwangen ein kleines Gut, das zunächst Lehen der Grafen von Helfenstein und später Heinrichs von Essendorf zu Schemmerberg war, später noch einen österreichischen Lehenhof in Ahlen, mit dem ihn König Maximilian I. im Jahre 1495 belehnte. Zwei Jahre später verkaufte er ihn dann um 440 Pfund Heller an den Biberacher Bleicher weiter.

 

Bäuerliches Leben im 16. Jahrhundert

Die Gültbücher des Biberacher Spitals überliefern uns, was ein Bauer für seinen Hof jeweils an Abgaben abliefern musste. Jörg Angelin in Risshöfen hatte so 1546 für sein aus der Teilung des bisherigen großen Hofes entstandenes Gut, das spätere „Argus“-Gut, dem Spital zu entrichten

   an Naturalabgaben

          6 Malter 4 Viertel Roggen,

          3 Malter 8 Viertel Hafer,

          1 Viertel Eier,

          1 Henne und

          4 Hühner,

   an Abgaben in Geld

          10 Pfund Heller Heugeld und

           3 Pfund Heller Holzgeld,

   und zudem

          4 Dienste.

Unter den NATURALABGABEN war die Getreidegült – beim „Argus“-Hof rund 9 Doppelzentner Roggen und 5,8 Doppelzentner Hafer – für den Spital die wichtigste und, da sie vom Ertrag eines Jahres unabhängig zu leisten war, auch die sicherste Einnahmequelle. Aber auch für den Bauern änderte sie sich längere Zeit nicht: 1546 wie 1651 war sie gleich hoch.

Die zweite große, den Bauern belastende Getreidegült war der Zehnte, eine Abgabe in Höhe eines Zehntels des Ernteertrags. Zu leisten war er in Höfen an die Pfarrei Sulmingen.  Den großen Zehnten, den Kornzehnten, bezog als Eigentümerin der Pfarrei die Zisterzienserabtei Salem, die den kleinen Zehnten, den Zehnten aus den Gartengewächsen, dem Sulminger Pfarrer überließ.

Die Küchengefälle, die Einnahmen an Eiern –1651 übrigens 120 -, Hühnern,  Hennen und Obst, gingen direkt in die Küche des Spitals. Im „Argus“-Hof besaß der Spital 1652 auch einen sogenannten „Wahlbaum“, also das Recht, einen beliebigen Obstbaum abzuernten.

Die vom Spital geforderten Arbeitsleistungen, die Dienste, wurden im Laufe der Zeit immer wieder erhöht. Musste der Inhaber des „Argus“-Gutes 1553 vier Handdienste leisten, so waren es 1593 bereits sechs Handdienste und 1757 dann sechs Fahrdienste, die aber mit drei Gulden abgelöst werden konnten.

Leibeigene mussten als Abgabe die sog. Leibhenne  entrichten; bei ihrem Tod waren als Todfall zudem bei einem Mann das beste Stück Vieh und bei einer Frau das beste Gewand abzuliefern. Die Angele in Höfen musste das nicht kümmern: hatte doch der Biberacher Spital nach dem Bauernkrieg von 1525 in seinem Gebiet die Leibeigenschaft aufgehoben und damit auf diese Abgaben verzichtet.

Eine GELDABGABE waren schon immer die Heugelder, als Abgabe vom Grünland das Gegenstück zur Getreidegült vom Ackerland. Wie die Dienste wurden sie immer wieder erhöht: von 12 Pfund Heller im Jahre 1546 stiegen sie bis 1797 mit 14 Gulden 15 Kreuzer auf etwa das Doppelte. Wie hoch diese Summen heute wären, lässt sich nicht sagen; sinnvoll ist nur ein Vergleich der Beträge untereinander.

Zunehmend eingeführt wurden anstelle von Naturalleistungen Ablösen in Geld, so für Dienste, Wahlbäume – beim „Argus“-Gut waren es 1757 15 Kreuzer – und die Pflicht zum Einstellen von dem Spital gehörenden Jungvieh; als Fleischgeld waren ab etwa 1590 jährlich zwei Gulden zu zahlen.

In Geld zu entrichten waren ebenso

      -     das Holzgeld – beim „Argus“-Gut 1546 drei Pfund Heller – als Entschädigung für die Nutzung spitälischer Waldungen,

- die Straf- und Gerichtsgelder bei Verfehlungen, und

      -     die Steuern, die für unsere Begriffe sehr gering waren: Jörg Angelin zahlte so 1542 für sein Vermögen von 300 Gulden  1 Gulden 10 Groschen Steuer; 1546 waren es 2 Gulden 10 Groschen. Steuern wurden jeweils nach Bedarf erhoben; der Steuerfuß wechselte so von 1532 bis 1556 zwischen 0,5 und 1,66 Prozent des Vermögens.

Allen diesen Abgaben war gemeinsam, dass sie -  in Naturalien oder Geld – bis auf die Steuern grundsätzlich festgeschrieben waren. Wurden sie – wie die Gülten, die Zahl der Dienste und vor allem die Heugelder – bei einem Besitzwechsel oder einer Hofteilung erhöht, so war der Spital dann wieder für längere Zeit daran gebunden; er konnte die Abgaben nicht willkürlich von Jahr zu Jahr höher schrauben.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Besitzwechselabgabe, der sog. Handlohn, grundlegend. Da fast alle spitälischen Höfe Fall-Lehen waren, also nach dem Tode der Besitzer an den Spital zur freien Verfügung zurückfielen, hatten die Erben anders als bei den Erblehen keine Rechtsanspruch auf eine Belehnung. Der Spital konnte so den Handlohn je nach Marktlage neu festsetzen. Betrug der Handlohn für das „Argus“-Gut 1593 so 250 Gulden, so sank er nach dem Dreißigjährigen Krieg 1652 auf 120 Gulden, wobei dieser Betrag mit den Baukosten für den neuen Hof – der alte war vermutlich wie die allermeisten in Oberschwaben im Krieg abgebrannt oder verfallen – verrechnet werden durfte, um dann bis 1796 auf 500 Gulden zu steigen.

Und wenn Sie nun wissen wollen, wie hoch die Abgaben am Ende des 18. Jahrhunderts waren, so kann ich Ihnen das dank Wolfgang von Hippel, der einige Beispiele durchgerechnet hat, ganz genau sagen. Die bäuerliche Abgabenbelastung betrug bezogen auf den Bruttofeldertrag

   -   für das spitälische Dorf Burgrieden  für die Jahre 1770/80                 28,2 %,

   -   für das schussenriedische Dorf Michelwinnaden um 1780                  30,9 %,

   -   für das Waldburg-Zeil’sche Dorf  Reichenhofen um 1780                  33,1 %, und

   -   für das württembergische Dorf Kornwestheim um 1797                      28,1 %.

Im Gebiet des Klosters Weingarten waren es 1804, schon unter Nassau-Oranien, 34,2 %.

Und damit sind wir am Ende des 18. Jahrhunderts und bei Christian Angele, der am 22. September 1796 den „Argus“-Hof  seines Vaters Joseph Angele – wie erwähnt -  um 500 Gulden bestanden hatte. In der „Topographie des Biberachischen Hospitals und seiner Besitzungen in geographisch-statistischer und anderer Hinsicht“ aus dem Jahre 1807 wird Christian Angele vom Biberacher Hospitalverwalter  Georg Ludwig Eben bei der Beschreibung von Höfen ganz besonders belobt. Es heißt da: „Unter der ganzen spitälischen Landschaft zeichnet sich der hiesige Lehenbaur Christian Angele dadurch aus, dass er den Acker- und Futterbau, die Viehzucht und Käsefabricatur nach den neuesten cameralistischen Schriftstellern betreibt, welches dieses nützliche Beispiel besonders auch in einer starken Schweinzucht auf seine Mitgemeinder ebenfalls zu würken beginnt.“ Zählte Eben in Höfen so 46 Schweine, so waren es im gleich großen Bergerhausen nur 30.

 

 

Aufbruch in eine neue Zeit

Anlass für Agrarreformen wurde die zunehmende Menschenzahl: zwischen 1740 und 1800 vermehrte sich die Bevölkerung Mitteleuropas so um die Hälfte. Noch höhere Wachstumsraten verzeichnete die Ostschweiz, der nahe Markt für die oberschwäbischen Agrarprodukte. Lebten 1667 im Kanton Außerrhoden je Quadratkilometer 83 Einwohner, so waren es 1734 148 und 1794 169; in Oberschwaben dagegen zählte man um 1800 im Durchschnitt nur 40. Wenn trotz dieser geringen Bevölkerungsdichte und der relativen Fruchtbarkeit Oberschwabens nicht wenige Einwohner, unter ihnen auch einige Angele, in die von Österreich in den Türkenkriegen eroberten, weitgehend menschenleeren Gebiete in Ungarn auswanderten, so war dies eine Folge des Anerbenrechts, das auch den Geburtenüberschuss von vornherein niedrig hielt. Den Hof bekam meist der älteste Sohn, und seine Geschwister mussten sehen, wo sie blieben. In einem Dorf  hatten sie im Grunde nur drei Möglichkeiten: auf einen Hof heiraten, beim Bruder als Knecht oder Magd dienen oder eben auswandern.

Für die größeren Bauern, welche mit ihren Überschüssen den Markt beliefern konnten, war die Situation günstig: stiegen doch die Getreidepreise im südlichen Schwaben von 1740 bis 1780 auf rund das Doppelte. Nutznießer dieser Agrarkonjunktur waren als Grund- und Zehnt-Herren nicht zuletzt auch die oberschwäbischen Klöster. Ohne die Einnahmen aus den Getreideverkäufen in die Schweiz und nach Vorarlberg wären die Äbte nicht in der Lage gewesen, ihre prächtigen Barockbauten zu finanzieren. Das Geld für diese Bauten blieb aber weitgehend im Land: der Schussenrieder Abt Didakus Ströbele nutzte den Bau der Steinhauser Wallfahrtskirche modern gesprochen als Konjunkturprogramm: zum Fronen, das ja bezahlt wurde, zog er vor allem mittellose und verschuldete Untertanen heran.

Die wenn auch allmähliche Zunahme der Bevölkerung, die Knappheit an bebaubaren Ländereien und das hohe Preisniveau führten in Oberschwaben zu einer intensiveren Nutzung der Böden und in der Folge zu einer Reihe von Agrarreformen. Einen Anstoß zur Änderung bisherigen bäuerlichen Wirtschaftens gab nicht zuletzt auch die Hungersnot der Jahre 1770 und 1771. Gefördert von aufgeklärten Beamten und Pfarrern begann nun der Übergang von der bisherigen gemeinsamen Bewirtschaftung der Markung zur Individualwirtschaft, die ihren Ausdruck nicht zuletzt in den Vereinödungen im südlichen Oberschwaben fand, und von der alten Dreifelderwirtschaft mit Weidgang auf der Brache zur verbesserten Dreifelder-

Wirtschaft mit Anbau von Klee, Rüben und Kartoffeln auf dem Brachschlag, auch wenn es teilweise noch Jahrzehnte dauerte, bis sich dieses neue Wirtschaften überall durchsetzte. Pioniere wie Christian Angele zeigten ihren Mitbürgern den Weg.

 

Anbau des Brachösch und neue Kulturpflanzen

Als noch die Gemeindehirten das Vieh des ganzen Dorfes auf die „gemeine Weid“ trieben, stand der Herde jeweils ein Drittel des Ackerfeldes, der Brachösch, zur Verfügung. In ihm durften nur kleine, eingezäunte Stücke mit Kraut, Speiserüben und Flachs bebaut werden. Die restlichen zwei Drittel des Ackerfeldes waren im Rahmen der seit vielen Jahrhunderten üblichen Dreifelderwirtschaft mit Winter – bzw. Sommer – Getreide angebaut. Nach der Einführung der Stallfütterung anstelle der bisherigen Weidewirtschaft konnte nicht nur die Allmende, die bisher als Weideland genutzten Gemeindegrundstücke, aufgelöst und an die Einwohner verteilt, sondern auch der Brachösch mit sogenannten Brachfrüchten angebaut werden. Sie bestanden aus Futterpflanzen wie Klee, Esparsette, Luzerne und Wicken, Hackfrüchten wie Kartoffeln, Kohlrüben, Speise – und Futterrüben und Handelsgewächsen wie Raps, Hanf und Flachs. Üblich war auch noch die Waldweide gewesen, die einer geregelten Forstwirtschaft entgegenstand; weithin herrschte deshalb Niederwald vor.

Der Anbau der neuen Futterpflanzen , der schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts üblich geworden war, musste dabei gegen den Widerstand der Kleinbauern durchgesetzt werden, die – um ihren Viehbestand halten zu können -  bei der allgemeinen Weide auf der Allmende und im Brachösch bleiben wollten. Klee und auf der Alb auch Esparsette waren für die durch den dauernden Anbau von Getreide ausgelaugten Böden als Stickstoff sammelnde Pflanzen von außerordentlicher Bedeutung.

Aus dem Piemont brachten 1701 die Waldenser die ersten Kartoffeln nach Württemberg. Bereits 20 Jahre später baute man sie versuchsweise auch schon in Schwendi an. Größere Verbreitung erlangten die Bodenbirnen,  Grundbirnen oder Erdäpfel, wie sie damals hießen, aber erst nach der großen Hungersnot von 1770/71; die Gemeinden verteilten damals Stücke der Allmende als Erdäpfelländer. Um 1780 schrieb so der Lindauer Hünlin, dass sich viel tausend Landleute mit Erdäpfeln ernähren; das Brot ist den meisten zu teuer, um sich gänzlich davon zu sättigen. Allmendestücke gab man ebenso auch als Krautländer für den Anbau von Kraut aus, in Biberach entlang des Gaisentals.

Um 1830 wurde in Oberschwaben dann schon rund die Hälfte des Brachöschs intensiv genutzt. Was das für die Landwirtschaft bedeutete, schildert die Beschreibung des Oberamts Riedlingen aus dem Jahre 1827. Es heißt da: Nach allgemeinen Wahrnehmungen wird jetzt die Hälfte mehr Getreide erzeugt als noch vor 40 Jahren. Diese Fortschritte sind hauptsächlich dem größern Futterkräuterbau, der Einführung der Stallfütterung und der dadurch möglich gewordenen Kultivierung des großen  Donauriedes und anderer Riede und Weideplätze sowie der dadurch gewonnenen größern Düngermasse zuzuschreiben.

 

Vieh- und Schweine – Zucht

Oberstes Ziel der Bauern war früher, die Familie mit allem Lebensnotwendigen selber zu versorgen. Dies bedingte den Vorrang des Eigenbedarfs vor dem Verkauf und galt nicht nur für Lebensmittel und Getränke, sondern auch für Brennstoffe wie Holz und Torf  und für Textilien; in vielen Bauernhäusern stand für die Leinwandherstellung ein Webstuhl.

Milch wurde zu Zeiten der Selbstversorgungswirtschaft nahezu ausschließlich im eigenen Haushalt verbraucht. Für den Eigenbedarf stellten die oberschwäbischen Bauern zwar schon von jeher Käse aus saurer Milch, den sogenannten Luggeleskäse, her; eine Käseherstellung zum Verkauf erfolgte dagegen nur in wenigen Betrieben. Dies änderte sich mit dem Aufkommen von Käsereien wie der von Christian Angele in Risshöfen. Nun wollte jeder Bauer Tag für Tag möglichst viel Milch zur Verarbeitung bringen. Zu hohen Milchleistungen war das bis dahin vorherrschende Landvieh aber ungeeignet; Kühe dieses Schlags gaben etwa 600 Liter Milch pro Jahr. Bessere Leistungen brachten die Allgäuer und die graubraunen  Kühe aus Vorarlberg und der Schweiz, der Schwyz – Montafoner Stamm, die im Allgäu allmählich das Landvieh verdrängten. Wie begehrt diese Kühe damals waren, möge ein kleines Beispiel zeigen: als Dank für die Wiederaufrichtung des Fürstlichen Damenstiftes Säckingen schickte die Äbtissin Marianna von Hornstein-Göffingen im Jahre 1785 dem Hofrat Spielmann in Wien von Ulm aus per Schiff sechs Kühe und einen Stier Allgäuer Rasse samt Senn und Sennerin.

Im nördlichen und westlichen Oberschwaben dagegen, wo der Ackerbau dominierte und viele Kühe auch als Zugtiere verwendet wurden, sah die Landwirtschaft in den  Simmentalern, dem heutigen Höhenfleckvieh, die für sie geeignetere Rasse; die Bauern bevorzugten ein Tier, das sowohl auf Milch wie auf Fleisch gezüchtet war.

Durch systematische Zucht erhöhte sich so im 19. Jahrhundert das Schlachtgewicht je Tier von 100 Kilogramm im Jahre 1800 auf 160  im Jahre 1835 und auf 190 um 1870; die Milchproduktion je Kuh stieg von 600 – 700 Litern im Jahre 1800 auf 900 im Jahre 1835 und 1150 um 1870.

Schweine wurden auf den Höfen südlich der Donau jahrhundertelang nur wenig gehalten; zur Mast fehlten ausdehnte Buchen – und Eichenwälder. Wenig Wert wurde auch auf die Schweinezucht gelegt: die für den Eigenbedarf benötigten Schweine kauften die Bauern vor Georgi (23. April) von bayrischen Schweinehändlern. Unter Schweinehirten musste sich diese anspruchslosen Tiere dann auf der Brache und in den Wäldern selbst ernähren. Vor Weihnachten wurde dann geschlachtet; nur wenige Schweine ließ man überwintern. Erst die Ausdehnung des Kartoffelanbaus und die Käserei mit ihrem Anfall an Molke schufen bessere Voraussetzungen. Züchterisch wurden die Landschläge durch Einkreuzung englischer Rassen

verbessert. So nahm nicht nur die Zahl der gehaltenen Schweine laufend zu: von 1800 bis 1870 erhöhte sich das Schlachtgewicht von 40 auf 75 Kilogramm. Eine Hochburg der Schweinezucht war übrigens die Gegend rund um den Bussen; bei den wandernden Handwerksburschen hieß der Berg deshalb nur der „Speckbuckel“.

 

Übergang ins Heute

Das Signal für das Ende des überlieferten Gesellschaftssystems gab die Französische Revolution: im Jahre 1793 wurden die herrschaftlichen Rechte in Frankreich sämtlich abgeschafft. In Württemberg wehrte sich der Adel dagegen, der seine Herrschaftsrechte und sein Einkommen nicht verlieren wollte. So wurde die Leibeigenschaft erst 1817 endgültig abgelöst; 1836 folgten die grundherrlichen Fronen und Jagddienste. Erst die Revolution des Jahres 1848 brachte dann aber die Beseitigung der noch bestehenden Abgaben, so der Gülten und Zehnten, und setzte den Vorrechten des Adels – wie der Forstgerichtsbarkeit – ein Ende. Das Ablösungsgeschäft – den bisher Anspruchsberechtigten musste eine Entschädigung bezahlt werden – zog sich mit seinen Ratenzahlungen bis in die siebziger Jahre hinein. Nach vielen Jahrhunderten war nun der Bauer nicht mehr bloßer Besitzer, sondern Eigentümer seines Hofes und frei in seinen betrieblichen Entscheidungen; auch war seine Belastung nach der endgültigen Bezahlung der Ablösungsraten um einiges niedriger.

Und was für die Bauern die Ablösung bedeutete, war für die Handwerker die Einführung der Gewerbefreiheit durch die Württembergische Gewerbeordnung des Jahres 1862. Durch sie wurden die Zünfte aufgelöst, ihre Herrschaft – die nicht nur den Markt im Sinne der Erhaltung des Status Quo kontrollierte, sondern mit ihren Vorschriften auch in großem Maße in das tägliche Leben der zunftangehörigen Handwerker  eingriff – aufgehoben. Mit dem Abbau der Schranken, die bisher den Zugang zum Handwerk regulierten, war fortan die selbständige Ausübung eines Gewerbes weder von einer polizeilichen Ermächtigung noch von einem vorgängigen Nachweis der persönlichen Befähigung noch von dem Geschlecht der Gewerbetreibenden abhängig. Die Gewerbefreiheit setzte – wie erhofft – neue Kräfte frei: in Biberach gelang so nicht wenigen Handwerksmeistern der Aufstieg zu industriellen Unternehmern.

Wir sind nun am Ende unseres Spaziergangs durch die Jahrhunderte angelangt. Ich hoffe, dass er Sie nicht allzu sehr ermüdet hat, dass es für Sie von Interesse war, in für uns heute fremde Welten hineinzuschauen und zu sehen, unter welchen Bedingungen Ihre Vorfahren einstens gelebt und gearbeitet haben. Und wenn sie Parallelen zur Gegenwart sehen, ist das nicht ganz unbeabsichtigt.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.



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